Hana Usui


Die Realität der Abstraktion
Text von Mag. Akio Yokoyama zur Ausstellung von Hana Usui im Porgy & Bess Wien, 2002

Hana Usui begann ihre künstlerische Tätigkeit mit Kalligraphie. Durch die Technik der Kalligraphie zielt sie in ihren Werken jedoch auf die Befreiung von der "Entfremdung des Individuums", die im Wesen der Kalligraphie an sich liegt.

Usui stellt ihre höchst abstrakten, in Schwarz und Weiß gehaltenen Werke mit "Tusche" und "Japanpapier" her, die für Kalligraphie unentbehrlich sind. Infolge ihrer über zehnjährigen Erfahrung als Kalligraphin sind diese Materialien wesentlich für Usuis Werk geworden, und man kann sogar sagen, dass ihre künstlerische Tätigkeit erst aufgrund dieser Materialien ermöglicht wurde. Das "Schwarz" der Tusche, deren Farbton sich leicht durch Konzentration und durch natürliche Arbeitsbedingungen verändern lässt, und das "Weiß" der unbemalten Stellen auf dem "Sukishi“ (traditionelles gesiebtes Japanpapier), das aufgrund seiner subtilen Textur äußerst ausdrucksvoll ist, bringen unendliche Abstufungsmöglichkeiten hervor. In diesem Klima entstehen Usuis Arbeiten.

Gleichzeitig muss darauf hingewiesen werden, dass ihr Gefühl der Entfremdung von den Traditionen der Kalligraphie, zu der sie doch lange gehörte und der sie daher eigentlich vieles verdankt, eine ihrer derzeitigen Motivationen darstellt. Kalligraphie ist bekannter Weise die Kunst, Schriftzeichen schön zu schreiben, und als solche ist sie zwangsläufig immer mit einem "Sinn" behaftet. Ein Schriftzeichen ist gewöhnlich ein Mittel, irgendeinen allgemeinen Sinn mitzuteilen. Wie man aber diesem Schriftzeichen "Leben" einhauchen kann, nämlich wie man ihm Geschichtlichkeit und Affektivität von uns Menschen, die ja stets zusammen mit der Sprache existieren, geben kann und wie wir Sterbliche als solche Wesen wieder miteinander verbunden werden können, das ist die Frage des Kalligraphen. Wenn ein Schriftzeichen zum Leben erweckt wurde, ist dessen Glanz die Schönheit der Kalligraphie. Wer sich um das Erlernen dieser Kunst bemühen will, muss sich auch immer in das Nachmachen der klassischen Muster der tausendjährigen Geschichte der Kalligraphie Chinas und Japans vertiefen. Dadurch wird das Leben der klassischen Meister nacherlebt. Aber was bedeutet das Leben eines Meisters der alten Zeit oder der universale "Sinn" des menschlichen Lebens in dessen Meisterwerk für eine junge Künstlerin in der heutigen Zeit, wenn sie sich mit ihrer eigenen Realität konfrontieren will. Trotz des Gefühls der "Befremdung" mit der Universalität der Meisterwerke müsste sie ihre eigene Realität als etwas Unwichtiges ablehnen.

Die junge Künstlerin lässt sich zum Beispiel von "einem Stück Mauer eines alten Gebäudes, dessen Kalkmörtel abgebröckelt ist, aufeinandergehäuften verwitterten Ziegeln oder der Rinde eines knochigen Astes " mehr inspirieren als von der Schönheit des klassischen Werkes eines Meisters. Die Quelle ihrer Inspiration mag zwar unwichtig oder gar "sinn" -los sein, doch verliert sie ihren Sinn nur durch die Perspektive vom Sinn der Universalität. Als Usui das Gefühl der Befremdung beim Nachschreiben der klassischen Muster packte, kam ihr ihre Realität negativ vor. Für sie war es nötig, ihr Gefühl der Befremdung in ihre Realität einzubeziehen, und etwas, was durch die Sprache als "sinnlos" nur negativ besetzt ist, ins Positive umzukehren.

Die abstrakten Arbeiten von Usui nach ihrer Trennung von der traditionellen Kalligraphie enthalten trotzdem noch viele kalligraphische Elemente. "Kasure" (die unbemalte Spur auf dem Papier, die durch eine rasche Bewegung des Pinsels entsteht) und "Nijimi" (Auslaufen der Tusche) sind die von Usui bevorzugten kalligraphischen Techniken. Diese hat sie mit der traditionellen Kalligraphie zwar gemein, verwendet sie aber in ihren Arbeiten als Waffe, um sich der Tradition entziehen zu können. In der Kalligraphie sind sowohl "Kasure" als auch "Nijimi" Spuren der Bewegung des Pinsels. Bewegt sich der Pinsel rasch, bringt die Tusche ein "Kasure" hervor, hält er seine Bewegung an, entsteht an dieser Stelle ein "Nijimi" .

Sie sind auf jeden Fall den konstruierenden Linien eines Schriftzeichens untergeordnet und haben die Aufgabe, dieses zum Leben zu erwecken. Usui befreit diese Elemente  "Kasure"  und  "Nijimi"  von ihrer Funktion, Bestandteil eines Schriftzeichens d.h. von einer Linie zu sein, und verwandelt sie in etwas Schwaches, Verschwommenes, an sich "Sinnloses". Gerade das will Usui als etwas Positives anerkennen. Ihr abstraktes Werk wird auf die Anerkennung solcher unsubstantiellen Elemente zielend konstruiert.

Um diese Konstruktion zu ermöglichen, wagt sich Usui auch an die in der Kalligraphie als Tabu geltende Technik des "Nidogaki" (die Verbesserung eines Striches im nachhinein). Traditionellerweise müssen Schriftzeichen in einem Zug geschrieben werden. Die Verbesserung eines misslungenen Schriftzeichen ist nicht erlaubt. Kalligraphie bedeutet das Erlernen des "Weges" des schriftlichen Ausdrucks, und das Erlernen bedeutet, den Weg auch mit geschlossenen Augen nicht zu verfehlen. Der Weg stellt eine Form des Lebens dar, und diese Form ist durch Nachschreiben der klassischen Muster zu erlernen. Usui verliert den Weg, stoßt aber immer wieder darauf, doch nicht deshalb, weil er für sie richtig ist. Da sie sich stets auf diesem Weg verirrt, ist er an sich ein Irrweg. Dieser Weg von Usui, der hier auch durch die Sprache negativ definiert ist, gestaltet ihr Werk, bedeutet daher ihr Leben und ihre eigene anzuerkennende Realität. Wenn eine Linie einer bereits bestehenden hinzugefügt wird, wird das in der Kalligraphie (Sho-do - der Weg der Schrift) als Unentschiedenheit, als Irrung des Herzens. Das Aufeinander der Tusche in Usuis Arbeiten ist befreit von Linien und voll Lust, zu zögern und sich zu verirren.

Usui befreit auch die Farbe "Weiß" aus dem durch Tuschelinien abgegrenzten, "unbemalten (d.h. nicht schwarzen) Rand" und gibt ihr so viel Kraft wie dem Schwarz der Tusche, indem sie das Weiß der Ölfarbe verwendet. Das gleichwertige Spiel zwischen dem Schwarz der Wasserfarbe und dem Weiß der Ölfarbe, wie sie sich mal mischen, mal voneinander abstoßen, ist der traditionellen Kalligraphie fremd. In diesem Spiel, in dem die Beziehung zwischen Herrschenden und Beherrschten verschwindet, übergibt sich Usuis Werk dem Zufall des Irrwegs und bejaht ihn als einen "Umweg". Diese Methodologie von Usui darf nicht mit dem surrealistischen Automatismus verwechselt werden. Sie arbeitet stets mit einer festen "Vorstellung", deren Realisierung das einzige Ziel ihrer künstlerischen Tätigkeit ist. Diese Vorstellung ist doch die vom "Umweg", vom "Stück Mauer, deren Kalkmörtel abgebröckelt ist", von den "verwitterten Ziegeln" und von der "Rinde eines knochigen Asts", denen man nur auf einem Umweg begegnen kann. Diese Dinge, die von der Zeit allzu durchdrungen sind, um als Idee bezeichnet werden zu können, leiten als immer feste Vorstellung ihre Arbeit, weil sie der Realität ihres eigenen Lebens angehören. Dass die Realität des Lebens in der "Abstraktion" der unendlichen Abstufungen beim Spiel zwischen Schwarz und Weiß und der Variationen dieser Farbtöne ausgedrückt  wird,  bedeutet keinesfalls Mangel  an "Konkretheit"  im Leben der Künstlerin. Etwas  "Konkretes"  bedeutet normalerweise ein "Objekt" , dessen Sinn allen gemein ist. Doch gerade diese Allgemeingültigkeit des Objekts vermindert die Realität des Lebens. Die doch nichts anderes ist als etwas, was nie verallgemeinert und nur als Unidentifizierbares vorgestellt werden kann. Sie ergreift einen nur als einmaliges Ereignis, und daher ist es unmöglich, sie sowohl von einem anderen zu übernehmen als auch sich anzueignen. In Usuis Arbeiten, die in dem Sinne, kein Objekt zu haben, als abstrakt bezeichnet werden, fand die Affektivität, von der sie bei jeder ihrer Begegnungen mit verschiedenen Dingen auf dem Umweg erfüllt war, ihren Ursprung in Tusche und Japanpapier. Da wird ein einmaliges Ereignis etwas Anhaltendes. Somit stellen die Arbeiten von Usui immer ihr jeweiliges konkretestes Selbstportrait dar, und sind gerade wegen dieser Konkretheit in abstrakter Form realisiert.